Beinah jeder verbindet damit Vorstellungen. Gesellschaftlich und auch ganz individuell geprägte: Spanische Gitano-Musik, temperamentvolle Frauen voll von Geheimnissen, Leidenschaft und Schmerz zugleich, erotische Fantasien, fremde Klänge in kleinen Bars. Vielleicht auch exaltierte Männer, rhythmische Bewegung der Beine und Arme. Gitarrenklang, begleitet von unbekannter sehr fremder Sprache. Mit den Fantasien fortzufahren, wäre wohl nicht schwer.

Flamenco. Weltkulturerbe inzwischen. Der Name stammt aus der Zeit Karl III., der 1783 das letzte „Zigeunergesetz“ unterschrieb. Gleichzeitig stellte er aber auch einige der Gitano-Familien unter seinen Schutz, deren Söhne als Soldaten in der spanisch-flandrischen Armee geholfen hatten, in Flandern die territorialen Interessen des spanischen Königs durchzusetzen. Daher der Name: Flame – Flamenco. Diese Bezeichnung übertrug sich über die Zeit hinweg auf eine ganze Volksgruppe – und auf deren Tänze.

Flamenco. Es ist die so einzigartige Interaktion von andalusischer Volksmusik und der Musik der Roma, die mit der Ansiedlung dieser Volksgruppe in Andalusien nach ca. 1400 n. Chr. stattfand. Ansiedlung heißt hier auch: erzwungene Sesshaftigkeit, vielfältige und schwere Repressalien, Vertreibung aus traditionellem Erwerb wie Pferdehandel und Schmiedehandwerk. Und bei aller Isolierung der Roma eben auch die Entstehung des Flamenco.

Flamenco. Tanz, Gesang und Gitarre – wenn die Seele sich öffnet. Wenn Leidenschaft und Schmerz zu Lust verschmelzen. Das Wichtigste bleibt der Gesang, el cante. Der Tanz, el baile, zunächst alleinig die Rolle der Frau, dann mit Ausgang des 19. Jahrhunderts auch des Mannes. El baile, die Aufforderung an die Zuschauer*innen, dem Rhythmus und der Trance der Bewegung zu folgen. El toque, das Spiel der Flamencogitarre. Es ist schon älter. Seit dem 16. Jahrhundert bekannt. Der Dreiklang von il cante, el baile und el toque führt zu emotionalem Aufruhr, zum duende. Es ist die Spontaneität des Augenblicks, der leidenschaftliche Schmerz und der Schmerz der Leidenschaft – und die Lust daran, beides auszuleben.

Flamenco. Inzwischen ist es auch ein Bühnenereignis. Berechnete Emotion. Virtuosität und Präsenz. Inszenierung für Touristen. Gezielte Weiterentwicklung auch in Flamenco-Schulen. Regionalen Traditionen. Wettkampf auch.

Flamenco. Es ist ebenfalls ein Nebenwerb junger Menschen in den Straßen und auf den Plätzen der Städte. Für kleines Geld im Beutel. Die Illusion des Spontanen. Animation. Damit am Ende des Nachmittags oder frühen Abends ein wenig Münze klingelt.
Flamenco. Es ist eben eine Inkarnation Andalusiens. Ein Spiegel für den Glanz seiner Lichter, für den Schmerz seiner Schwärzen auch. Nicht nur der Vergangenheit, sondern auch des Heute. Und nicht zuletzt sind es auch unsere eigenen Bilder. Woher auch immer sie stammen und wie angemessen sie sein mögen.
Jürgen van Buer