Deutsch-Weißkirch 2015

Der befestigte Glaube

Kirchenburgen in Siebenbürgen

Jürgen van Buer

Von den folgenden Kirchenburgen sind in der Bildergalerie Fotos zu finden:

Bildergalerie 1: Agneteln; Arkeden; Baaßen; Birthälm; Bodendorf; Dersch; Deutsch-Kreuz; Deutsch-Weißkirch; Draas; Eibesdorf; Frauendorf; Grossau; Hamruden; Heltau; Honigberg; Katzendorf; Keisd;

Bildergalerie 2: Kleinschelken; Marienburg; Mediasch; Meschen; Meschendorf; Neustadt im Burzenland; Reußen; Rotbach; Schönberg; Straßburg am Mieresch; Tartlau; Weidenbach; Wolkendorf; Zeiden.

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Schaut man im Internet unter dem Stichwort „Kirchenburgen“ nach, wird sichtbar: Zu finden sind Kirchenburgen nicht nur in Siebenbürgen im heutigen Rumänien, sondern – wenn auch in unterschiedlicher Zahl – quer über Europa hinweg. In den meisten Regionen stehen die Kirchen zwar noch; doch die Wehrmauern um sie herum sind häufig abgetragen, überbaut, teils sind sie nur noch niedrige Mauern. Beispiele sind zu finden in Grafengehaig (Kreis Kulmbach) oder in Kleinlangheim (Kreis Kitzingen). Oder in Nordfrankreich z. B. in Thiérache (Département Aisne), in Österreich z. B. in Grades (Kärnten), auch in Muttenz in der Schweiz oder in Østerlars auf Bornholm.

Grossau 2014

Gebaut wurden die Wehrkirchen und dann die Kirchenburgen zum Schutz des geheiligten Raums und der dortigen liturgischen Güter selbst. Die Kirchenburgen vor allem auch zum Schutz der Dorfbewohner. Diese befestigten Orte waren Überlebensinseln gegenüber vorbeiziehenden plündernden Horden sehr unterschiedlicher Herkunft. Denn Kaiser oder König, der örtliche Adel wollten oder konnten diesen Schutz nicht bieten. Sie zogen sich zurück in ihre eigenen befestigten Orte, in ihre Burgen, die wir heute noch so bewundern. Und sie gaben die Bewohner/innen der umliegenden Dörfer den (Brandt-)Plünderungen preis. Leben, Vieh, Ernte, Häuser, einfach alles. Die Überlebenden, teils geflüchtet in die umgebenden dichten Wälder – wenn diese nicht schon abgeholzt waren – , konnten nicht sicher sein, den nächsten Winter zu überstehen. Die Dörfer mit einer befestigten Mauer zu umgeben und dann noch hinreichend mit Verteidigern zu bewehren, war nicht möglich. So bewehrte man zunächst die Kirchen selbst, erbaute bzw. verbaute sie zu Wehrkirchen.

Draas 2015

Für den Schutz der Menschen. Der nächste Schritt war, die Kirche mit einer Wehrmauer so zu umgeben, dass auch Vieh und Ernte Platz fanden und verteidigt werden konnten. Die Speckkammern in den Siebenbürger Kirchenburgen geben davon beredtes Zeugnis. Kirchenburgen sind somit im wahrsten Sinne des Wortes „befestigter Glaube“. Nicht befestigte adlige Macht. Sie sind verteidigtes dörflich-kommunales Leben zugleich – getragen von der gläubigen Zuversicht in den barmherzigen Gott.

So geraten die romantisierenden Bilder von Burgen des kleineren und größeren Adels ins Schwanken, die wir mit Rittertum und Minne – nicht der niederen, sondern der hohen Minne – verknüpfen. Zumindest ein wenig. Es sind Bilder, die vor allem im 19. Jahrhundert ihre Verbreitung fanden und die sich tief in unsere Vorstellungswelt eingraviert haben.

Die Kirchenburgen in Siebenbürgen sind Teil dieser Prozesse in Europa. Sind sie gleichwohl etwas Besonderes? Fragt man die Siebenbürger, mögen sie nun in Deutschland wohnen oder (noch) in Siebenbürgen selbst, lautet die Antwort weitestgehend uni solo: Ja. Sie sind etwas (sehr) Besonderes. Sie haben die Regionen Siebenbürgens geprägt. Sind immer noch der sichtbare Nachweis für die bis ins Mittelalter zurückreichende Form dörflicher Selbstverwaltung. Gewährt durch den Goldenen Freiheitsbrief Königs Andreas II. aus dem Jahr 1224.

Honigberg 2015

Staatsform und Siedlungsstrukturen waren dem teils zerstörerischen Wandel der Zeit unterworfen. Die Mehrheit der nun in Transsilvanien Beheimateten versteht Kirchenburgen nur bedingt als Elemente der ihnen Identität stiftenden Symboliken. Diese Region hat sich durch Migration grundlegend verändert. Gleichwohl  sind die noch sichtbaren ca. 180 der ehemals ungefähr 360 Kirchenburgen Siebenbürgens sichtbare Symbole für eine gut 800 Jahre währende Geschichte der Kultivierung einer Region, die bereits Jahrhunderte zuvor ein umkämpftes, dann stark romanisiertes und letztlich wieder aufgegebenes Land war. Die zahlreichen römischen Spuren künden von dieser Zeit.

Zu beinah jeder Siebenbürger Kirchenburg sind im Internet vielfältige Informationen zu finden. Als ein möglicher Einstieg möge der folgende Link zum Verband der Siebenbürger Sachsen dienen: https://www.siebenbuerger.de/verband/. Aus diesem Grund sei darauf verzichtet, detailliertere Informationen zu den auf meiner Homepage präsentierten Kirchenburgen zu geben. Die Fotografien sind entlang der alphabetischen Ordnung der deutschen Namen der Ortschaften geordnet, in denen diese Monumente zu finden sind; der rumänische und der ungarische Name sind dort ebenfalls angegeben.

Im März 2018 wird ein Buch mit ausgewählten Fotos und begleitenden Essays im logos Verlag Berlin erscheinen. Es wird von meinem Freund Josef Balazs und mir herausgegeben:

Jürgen van Buer & Josef Balazs (2017). „Der befestigte Glaube – Kirchenburgen in Siebenbürgen“. Berlin: logos Verlag.