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 Syrien – das geschundene, das sich selbst entfremdete Land

Jürgen van Buer

Fotografien aus Syrien über die Zeit vor dem Bürgerkrieg öffentlich zugänglich zu machen, bedarf eines Kommentars. Zu schnell geraten die so präsentierten Bilder sonst in die verschönernde Entfremdung, wie dies dem Erinnerten häufig so eigen ist. Syrien war damals trotz des so genannten  „Damaszener Frühlings“ mit seinem Hauch an Öffnung und Demokratisierung ein Land unter der Herrschaft einer politischen Partei, der Arabischen Sozialistischen Partei der Wiedererkennung. Einer nationalistisch-laizistisch ausgerichteten Partei, in deren Ideologie staat­liche Gewalt als ein legitimes Mittel der Zielerreichung verstanden wurde, mehr denn je verstanden und in so grausamer, schonungsloser Weise auch weiterhin verwendet wird.

Damals, vor dem Bürgerkrieg, war Syrien ein armes und ein reiches Land zugleich. Mit sichtbarer Armut in den Städten – und mit dem zur Schau gestellten Reichtum der Wenigen. Ein wun­derschönes auch. Ein Land, in dem die Öffnung hin zu Europa erkennbar wurde. Aber in dem auch die Spannungen zwischen Traditionalismus, religiöser, ethnischer und vor allem politischer Differenz sichtbar waren, wenn häufig gezielt versteckt, häufig auch schamvoll. Nicht zuletzt ein stolzes Land ebenfalls. Stolz auf seine Geschichte. Stolz auf seine Aufbauleistungen seit den 1970er Jahren. Es war ein Land, in dem der Präsident als einigende Figur wirkte. Zu wirken schien? Verehrt von Vielen, religiös überhöht beinah. Vielleicht auch als Zielpunkt gern geglaub­ten Selbstbetrugs. Vielleicht. So ist es unausweichlich, dass auf so vielen Fotografien die Staatsträ­ger der Assad-Familie zu sehen sind. Sie waren eben überall gegenwärtig. Wohl nicht nur bildlich.

Baschar al-Assad. Seit 2000 Staatspräsident. Damals Hoffnungsträger für Veränderung, für weitere Öffnung, für Demokratisierung. Damals. Vor langer, langer Zeit. Vor einer Dekade. Wohl nur für einen Moment länger als eine Dekade. Baschar al-Assad – dann der „nützliche Tyrann“, wie er immer auch betitelt werden mag. Nützlicher Tyrann – sicherlich eine verschönern­de Benennung dessen, was er zu verantworten hat. Zusammen mit den vielen Anderen, mit all seinen vielen nützlichen Helfern und Gewinnlern.

Wie alle Konflikte hat auch der Ausbruch des Bürgerkriegs ab ca. 2011 seine Vorgeschichte. Seine Geschichte verpasster, vertaner, auch bewusst verstellter und doch eben Chancen von Konsolidierung, des verpassten Weges hin zu mehr gesellschaftlicher Freiheit. Nicht erst seit 2011. Aber dann öffentlicher Aufruhr, der so schnell in Krieg mündete. In einem Krieg, in dem schnell auch Fremde die Regeln prägten, nach denen auf so erbarmungslose Weise Leben, Schicksal und den Tod der Menschen hin und her geschoben werden. Mittelalterliche Malereien über Hölle und Fe­gefeuer – christliche Bilder sicherlich – springen mir ins Gedächtnis. Sind wie vorweggenommene Folien des aktuellen Grauens

Syrien. Das geschundene, das zerstörte, das sich selbst entfremdete Land. Das erschöpfte Land. Das Land als Spielball von Interessen interner politischer und religiöser Gruppierungen. Vor allem  aber auch externer machtpolitischer Interessen. Das Land, das seine regionale Figur quasi auf dem Reißbrett der Interessen europäischer Kolonialmächte erhielt. Ohne Rücksicht auf ethnische, soziale, religiöse und politische Diver­sitäten. Syrien, das Land, das in einer langen Folge gewaltsamer und blutiger Umstürze seine politisch-militärische Struktur aufbaute – und gleichwohl ein Schmelztiegel für einen allen gemeinsamen starken nationalen Stolz wurde. Damals. Das Land, das seine mühsam erworbene Identität, seine gesellschaftlich letzt­lich so fragile Iden­tität, in so kurzer Zeit verlor. Die Bilder, die tagtäglich in die Medien ein­gestellt werden, zeigen Zerstörung. Und lassen die psychischen Verletzungen, die Zer­störungen der Menschen doch nur erahnen. Das wohl­habende Europa, die reiche Europäische Union schaut zu. Verliert sich in schamlosen Diskussionen über die  ‚Flüchtlingsfrage‘. Als sei dies eine Frage. Welcher Hohn.

Syrien 2004-2008 – ein Land zwischen Tradition und Zukunftshoffnung

Cafe Bagdad auf dem Weg von Damaskus nach Palmyra 05-2006

Syrien. Damals das Land, in dem beinah jede/r mir stolz von seinem/ihrem Blick auf die Geschichte des Landes als Ursprung der mediterranen und der europäischen Kultur erzählte. Es war die Zeit, in der ich zusammen mit Kollegen aus Freising 2004 – 2008 mit einem EU-Projekt zur Qualitätsentwicklung der syrischen Universitäten regelmäßig in diesem Land war.

Syrien 2004 – 2008. Es war ein anderes Land, in das ich damals kam. Auch wenn seine Geschichte wie ein unendlicher Strom aus der alten, vor allem auch aus der jüngeren Ver­gangenheit in das damals Erlebte reichte und scheinbar ungebrochen in die Zukunft als Hoffnungstor führen würde. Heute, nur ein wenig mehr als zehn Jahre später, wissen wir es besser. Bitter. Die Lust auf die erwünschte Zukunft war spürbar. Breit gelagert. Auf die Lust auf Öffnung. Auf Demokratisierung  auch, zumindest in kleinen Schritten. Es war auch der beinah unbedingte Glaube daran, dass die nächste Zukunft eine bessere Gegenwart sein werde. Es war die Vielzahl von Versuchen, sich stärker mit Europa zu vernetzen.

Damaskus – Oldtimer am Bab Sharqi Tor 01-2006.

Ohne dabei die eigenen Wurzeln, die eigenen Vorstellungen darüber aus den Augen zu verlieren, wie die syrische Ge­sellschaft sein solle, wie sie sein werde. Es war die Zeit des Damaszener Frühlings. Mit den vorsichtigen Demokratisierungen. Ohne allerdings die etablierten Hierarchien und eingegangenen, auch erkauften Verbindlichkeiten zwischen Individuum und staatlicher Macht zu gefährden. Es war die Zeit mit ihrem Glauben, all dies ließe das gewohnte  Alltagsleben auch weiterhin so fließen wie bisher. Und – so spürt man es heute aus der Retrospektive – es war die Zeit der Ahnungslosigkeit auch. Der gewollten Ahnungslosigkeit auch zwischen dem Heute und dem sich bereits splitterartig Ankündigenden.

Syrien 2004-2008 – die Fotografien

Zu finden sind auf dieser Homepage Fotografien über das Gestern in Syrien. Über keine Ausschnitte aus dem Gestern, das erst seit einem kleinen Augenschlag vergangen ist. Und doch schon so unendlich weit in die Vergangenheit gerückt ist. Es sind Bilder aus einem Land ohne Wiederkehr. Auf ein Land, in dem Frieden kaum möglich scheint. Vielleicht fragiler Waffenstillstand aufgrund tiefster Erschöpfung. Vielleicht. Irgendwann einmal.

Die farbigen Fotografien leben nicht zuletzt von dem Spiel des Lichts, von der so besonderen Farbigkeit Syriens. Die schwarzweißen Fotografien nehmen diesem Licht die Unbedingtheit seiner Poesie, sie sind härter. Sind aber auch näher an dem alltäglichen Mangel der – damaligen – Gegenwart und dem Reichtum der Geschichte. Sie sind Fotografien, die nach der Arbeit in den Universitäten entstanden sind. Keine Reisefotografie im klassischen Sinn, sondern vielfach entstanden en passant.

Damaskus – Negligéeverkäufer im Souq al-Hamadiye 12-2007

Die technische Qualität genügt heutigen Standards nur bedingt. So erscheinen diese Fotografien beinah wie solche, die man aus sehr alten Zeiten in Museen finden kann. Eine bittere Allegorie bereits damals? Wohl kaum.

Damaskus.

Die hier vorgestellten Fotografien konzentrieren sich auf die Hauptstadt, auf das Leben in der Altstadt, die die Menschen anzog. Tag für Tag. In den großen Al-Ham­a­dije-Souq, der direkt zur Umayyaden-Moschee führt. In die Altstadt, in der die moslemischen und die christlichen Viertel direkt nebeneinander liegen und wo allabendlich der Strom der Menschen auf eine sehr selbstverständliche Weise hin- und herfloss. Durch die kleinen Gassen mit ihren Händlern, mit den kleinen Teestuben. Bis spät in die Nacht, wenn die Gassen nach­dunkelten, zu Geheimnissen wurden. Mit ihren flüsternden Geschichten wie aus tausendund­einer Nacht. Zumindest für den Fremden, für den Besucher. Nur spärlich erleuchtet durch den diffusen Glanz der Schaufenster. Laut war es. Zumindest für uns Europäer. Freundlich die Menschen. Nicht nur, wenn wir nach dem Weg gefragt haben. Es herrschte eine geschäftige Muße in all dem Wirrwar der Menschen. Damals.

Aleppo.

Die Fotos aus dieser Stadt entziehen sich eines Kommentars. Zumindest für mich. Mir geblieben ist nur der Schmerz. Mein Blick auf die Fotografien ist durchdrungen von der Er­in­nerung an den mittelalterlichen al-Madina Souq, an die Umayyaden-Moschee, an…

Aleppo – im al Madina Souq 03-2008

Es ist die Erinnerung an die Wanderungen, die die Reise von meinen fremd vorgeprägten inneren Bildern hin zur Unmittelbarkeit des hautnahen Erlebens öffneten. Es ist das Lachen der Kinder, das Arbeiten in den kleinen Geschäften, die häufig nicht viel mehr waren als ein kleiner Raum, vollgestellt mit den Waren des Überlebens für die Familie. Ausgefüllt mit den Geräuschen der alten Maschinen und Geräten, die mich an meine Kindertage erinnerten. Ausgefüllt auch mit den Düften und Gerüchen all der Gewürze, Pasten und Salben, die Gesundheit versprechen, Schönheit, Wohlbefinden. Angekommen sein in dieser Welt, die so fragil ist, so verletzlich sein kann. So schnell der Zerstörung preisgegeben.

Palmyra.

Ähnliches wie für Aleppo gilt für meine Besuche in dieser antiken Oasenstadt. In dem antiken Bezirk, der 1980 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Das Erbe, das gleichwohl keinen Schutz erhielt vor der geschichts- und menschenverachtenden, gnadenlos zer­­störenden Strategie und auch Wut der Terrormiliz des so genannten Islamischen Staates. Meine Erinnerung gilt meinem Treffen 2004 mit dem damaligen Leiter der dorti­gen Antikensamm­lung. Dem entspannt geruhsamen Treffen mit dem gebildeten weltoffenen Gelehrten, den IS-Mörder als 82Jäh­ri­gen enthaupteten.

Palmyra – Einwohner am Freitag nachmittag zum Teetrinken im antiken Bezirk 05-2006

Meine Erinnerung gilt meinen abendlichen Blicken von der Zitadelle über den Bezirk der antiken Stadt und über die Nekropole mit ihren Grabtürmen. Jetzt zerstört wie der Baal-Tempel, dem Triumphbogen und so vielem Anderen. Meine Erinnerung gilt dem nachmittäglichen Leben der Menschen in dem antiken Bezirk. Bilder, wie sie als Aquarelle über antike Stätten Italiens aus dem 18. Jahrhundert in unserem Bewusstsein verankert sind. Nur eben jetzt – nein damals, vor einer Dekade nur. Jetzt ist nur Zerstörung. Physische und psychische Zerstörung.

Bosra al-Scham.

Die Sorge, die Bitterkeit  gelten auch für dieser Stadt, deren antiker Bezirk seit 1980 ebenfalls zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Es ist meine

Bosra – im antiken Bezirk 04-2007

Erinnerung an die Hitze der mittäglichen Sonne, An das römische Theater. An die antiken Ruinen. Sie sind das Bild über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – die Bewohner hatten sich dort eingerichtet, die antiken Häuser als ihre Bleibe eingerichtet. Sie weideten dort ihre Rinder. Durchquerten den Bezirk per Fahrrad oder Vespa wie auf einer normalen Verkehrsstraße. Es sind eben auch die Assoziationen zu den Aquarellen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts aus dem Forum Romanum, nur waren sie hier wie deren Verwirklichung. Es fehlte nur die poetisierende Verschönerung. Zu arm waren die in den alten römischen Häusern eingerichteten Behausungen.

Krak des Chevaliers.

Krak des Chevaliers im Licht des Sonnenuntergangs 03-2008

Seit 2006 ebenfalls UNESCO-Weltkulturerbe. Festung des frühen 12. Jahrhunderts aus der Zeit der Kreuzzüge. Erweiterungs- und Verstärkungsbauten durch Sultan Qalawun nach 1285. Nutzung als Festung bis Beginn des 19. Jahrhunderts. Zer­stö­run­gen im Bürgerkrieg.

 

Die Toten Städte in Nordsyrien.

Ein Gebiet mit mehr als ca. 700 Siedlungen aus der Zeit zwischen dem 1. und 7. Jahrhundert n. C. Mit der arabischen Eroberung dieses Gebietes begann der wirtschaftliche Niedergang und das Verlassen der Dörfer. Geblieben sind die Ruinen in der kargen Landschaft des Kalksteinmassivs. Zum Beispiel Qal’at Sim’an (das Symeon-Kloster).Ebenfalls Weltkulturerbe der UNESCO.

Qal‘ at Sim’an – die Basilika des Symeon-Kloster 02-2007

Der Ort, an dem Symeon Stylites als erster Säulenheiliger der Kirchengeschichte 459 starb und in dem Symeon Stylites der Jüngere als Säulensteher in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts ebenfalls auf einer vormals mehr als zehn Meter hohen Säule auf einer hölzernen Plattform wirkte. Heute sind hier die Ruinen der kreuzförmig angelegten, dreischiffigen Basilika aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts zu sehen. 2013 von den Dschihadisten des IS geplündert.

 

Saidnaya.

Saidnaya – Messe in der Klosterkirche Sankt Maria 05-2008

Liebfrauenkloster mit der Wallfahrtskirche St. Maria. Nördlich von Damaskus. Mit dem Cherubim-Berg und seinem Kloster in der Nähe. Wohl noch nicht zerstört oder geplündert. Die Gefährdungen des damals so sicher Erscheinenden durchdringen meinen Blick auf meine eigenen Fotografien.

Dair Mar Musa al-Habaschi.

Umbau einer kleinen römischen Grenzbefestigung zur mit zahlreichen Fresken des 11. und 12. Jahrhunderts geschmückten Basilika im Antilibanon-Gebirge. Im 17 Jahrhundert verlassen. Neu besiedelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dann seit 1984 vom Jesuitenpater Paolo Dall’Oglio wieder belebten Kloster. Dreihundertachtundneunzig Stufen Aufstieg – man sagt „ins Paradies“ gehe es – oder auch man sei dort dem Paradies zumindest sehr nahe. Man kann auch die kleine hölzerne Kiste an der schwingenden Seilbahn nehmen. Aber Letzteres ist wohl nichts für Menschen.

Dair Mar Musa al-Habaschi – Fresken in der Klosterkirche 05-2008

Oben angelangt, ist die Ruhe überwältigend. Die Geborgenheit auch, die dieser Ort vor der ihn umgebenden in der gelbbraunen Kargheit der Landschaft. Dieser Ort, an dem Fresken scheinen zu singen. An dem der Duft von Weihrauch durchdringt den kleinen Raum durchdringt. An dem Alles in sich ruht. Sein Selbst gefunden hat. An dem Alles so ist, als müsse es genauso sein, wie es ist.

Maalula.

Eine kleine Ortschaft nordöstlich von Damaskus. Mit dem griechisch-orthodoxen Mar Thekla-Kloster. Gewidmet der hl. Tekla von Ikonium aus dem 1. Jahrhundert, Schülerin des Apostels Paulus, so ist berichtet. Plünderung des Klosters zur IS-Kriegsfinanzierung. Das alte Klosteroberhalb, gewidmet den Märtyrern Sergius und Bacchus aus dem 2. Jahrhundert, erreichbar durch ein enges Tal.

auf dem Weg von Damaskus nach Maalula 04-2004