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Auf der Colina del Mauror, ganz in der Nahe der Torres Bermejas, dem Festungsvorwerk der Alcazaba der Alhambra, erhebt sich der Carmen der Stiftung Rodriguez-Acosta. Genannt wird er auch „Carmen Blanco“, das Weiße Landhaus. Getrennt ist er von den Festungsmauern der Alhambra nur durch eine kleine Senke, durch die Cuesta de Gomérez, weiter durch die Puerta de las Granadas hinunter in die Stadt führt. Der Carmen dominiert die Colina del Mauror, die sich über dem Realejo San Matias erhebt, einem alten Stadtteil Granada. So weithin das imposante Bauwerk aus dem Jahr 1914 auch sichtbar ist, so vergessen, ja übersehen ist es. Die Besucherströme folgen den Wegen hinauf zur Alhambra oder auch hinab zurück in die Stadt hinunter zur Plaza Nueva. Auf jeden Fall jedoch vorbei an dem so nahe liegenden Carmen Blanco. Denn nur ein paar Schritte wären es über die Calle de Antequerruela Alta vorbei an den hoch aufragenden Torres Bermejas hinein in den Callejón Ninõ del Royo hin zum Carmen Blanco.Die Geschichte dieses Bezirkes im Realejo San Matias reicht weit zurück in das 13. Jahrhundert. Er diente als Ort für Verließe, wie man dies heute noch im Carmen de los Catalanes sehen kann. So ist es nicht überraschend, dass das ganze Gebiet von Tunneln durchzogen ist. Einige sollen sogar bis hinein in die Alhambra reichen.Der Carmen Blanco ist ein ganz und gar ungewöhnliches Bauwerk. Erbaut 1914 von José María Rodriguez-Acosta, ist er ein Ensemble bewusst vereinter ganz unterschiedlicher Bauelemente, so von Elementen des Art Déco, solchen aus der Zeit der Nasriden, aber auch des Barocks; grandios die Gärten mit ihren Elementen griechischer Tempel. Der Carmen ist eine Einladung zu einer Reise entlang in Stein gehauene, geträumter Bilder. Der Erbauer (1878-1941) stammt aus einer Bankierfamilie, wandte sich aber schon früh der Malerei zu, dabei vor allem dem Symbolismus und dann dem Modernismus. So ist der Carmen die Inkarnation seiner Seele, seines Rückzugs auch aus einer Zeit, in dem mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges Spanien als Phase seines so genannten Papierkrieges seine Neutralität erklärte. Gleichwohl war das Land gespalten zwischen den Anhängern der Deutschen und solche der Alliierten. Es war die Zeit, in der die über den großen Krieg aufblühende Wirtschaft ihr Ende fand.

Es war eine Zeit des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Übergangs, die letztlich im Spanischen Bürgerkrieg 1936 ihr gewaltsames Ende fand und Spanien bis zum Tode von Franco 1975 in die Isolation gegenüber Europa führte. Gebaut ist der Carmen Blanco wie eine weiße Insel, gegen die reale Welt abgeschirmt durch Mauern und hohe Terrassen. Er ist eine Idealisierung, die symbolische Überhöhung einer Welt, die es nur in den Fantasien gab, gemalt vielleicht auf Leinwand, oder gekleidet auch in Musik. Eine im andalusischen Sonnenlicht gleißende Insel der Schönheit, der Ausgewogenheiten. Auch der heimlich ausgelebten Liebe des Malers José María Rodriguez-Acosta mit einer verheirateten Frau.

 

Ebenso ist der Carmen ist eine Insel der Mächtigkeiten des hoch aufstrebenden Hauptgebäudes. Des Hauptgebäudes, das eigentlich kein Landhaus ist, sondern ein Palast. Die terrassierten Gärten laden zum Verweilen ein. Sie dulden keine Menschenströme. Orte stillen Träumens wollen sie sein. Entlang der Säulen, Statuen und der kleinen überall sichtbaren Symbolismen. Und sie wollen es auch bleiben.

Genau dies können diejenigen ergründen, erfühlen, erschauen, die sich auf den Weg in den Callejón Niño del Royo machen. Denn der Carmen Bianco ist einer der vergessenen Orte Granadas, ein heimlicher beinah. Geheimnisvoll machen ihn die inneren Bilder, die in den Besucher*innen aufsteigen und sie ins Staunen versetzen. Der beinah vergessene Carmen, so als beschützten ihn die Torres Bermejas vor der Gefahr heranstürmender en-passant-Besucher*innen mit ihren Selfie-Geschützen.

Die hier präsentierten Fotografien sind bewusst in schwarz-weiß gehalten. Letztlich geht es jedoch um den Carmen Blanco. Mit seinen gekalkten Mauern, die im andalusischen Sonnenlicht gleißen, so dass man die Augen beinah schließen muss. Es geht um die Terrassen mit den fein gestutzten hohen Buschwänden. Sie erscheinen wie eine unentrinnbare Folge von Weiß und Schwarz. Als hätten sich die dunkelgrünen Büsche das Schwarze angeeignet. Sie rahmen die Schatten der Säulen und Statuen, die mit dem Lauf der Sonne ihren täglichen Weg durch die Terrassen und entlang geweißten Mauern nehmen. Alles ist Schauspiel.

Ein in Stein gemeißeltes schwarzweißes Schaustück. Nur dass die Zuschauer*innen spärlich sind. Zugelassen waren einst nur vom Erbauer sorgfältig ausgewählte Gäste. Nicht hastende Zuschauer*innen mit ihren vielfältigen en-passant- und Selfie-Spielen.

Die Stiftung Rodriguez-Acosta öffnet dieses so seltsame und beunruhigend schöne Bauwerk mit seinen dieser Welt enthobenen Gärten denjenigen, die kommen mögen und Zeit mitbringen. Zeit, um gelassen zu schauen und dabei auch den eigenen Bildern und Assoziationen zu folgen.